
"Living on the Edge" - Konsummuster von Jugendlichen damals und heute
Bei dem Kinoabend der dialog-Frühlingsakademie 2021 haben wir uns an ein heißes Eisen gewagt und den Film „Wir Kinder vom Bahnhof-Zoo“ gezeigt, der vor 40 Jahren Premiere hatte. 40 Jahre sind eine lange Zeit und so haben wir uns im Anschluss an den Film im Rahmen einer Podiumsdiskussion die Frage gestellt, welche Parallelen und Unterschiede es in den Konsummustern und Konsummotiven von Jugendlichen damals und heute gibt.
Als der erste Standort des Verein Dialogs mit einem Schwerpunkt für Jugendliche 2005 in der Gudrunstraße gegründet wurde, waren wir mit einer Zielgruppe konfrontiert, die jener im Film nicht so unähnlich war: Damals gab es eine große Gruppe minderjähriger Opiatkonsument_innen mit intravenösem Konsum, die als Teil der Drogenszene auf der Straße lebte, kaum Anschluss an von Erwachsenen getragenen Strukturen hatte und zunehmend verwahrloste. Diese Jugendlichen konnten mit Angeboten der Opioid-Substitution und einer altersgerechten psychosozialen Betreuung gut an die Einrichtung gebunden werden.

Lars Schäfer, Integrative Suchtberatung Gudrunstraße

Lisa Wessely, Suchtprävention und Früherkennung
Nachdem diese Gruppe volljährig geworden war, gab es einige Jahre kaum minderjährige Opiat-Konsument_innen. Nun zeigt sich ein Trend, dass der Gebrauch dieser Substanzen unter Jugendlichen wieder im Steigen ist. Diesmal handelt es sich aber oft um Jugendliche aus sozial gut bis überdurchschnittlich gut gestellten Familien und Besucher_innen von Höheren Schulen. Konsumiert wird zwar nur noch selten intravenös, die Kombination mit Benzodiazepinen oder Alkohol macht den Konsum aber mindestens so gefährlich.
Auch die Zahl der tödlichen Überdosierungen ist wieder im Steigen. Unter den Klient_innen befinden sich viele mit einer psychiatrischen Vorerkrankung. Hier sind viel Vernetzung und Zusammenarbeit mit externen Strukturen gefragt.

Dabei stellt die extreme Knappheit der Ressourcen in der stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie eine große Herausforderung dar. Neben der psychosozialen Betreuung und der medizinischen Behandlung betreuen wir die Angehörigen oder stehen bei einer Fremdunterbringung in engem Kontakt mit den Wohneinrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe.
Gerade auf Grund der aktuellen Situation ist Suchtprävention besonders wichtig. Um unsere Angebote noch ansprechender für Jugendliche zu gestalten, wollen wir sie aktiv in die Gestaltung unserer Angebote einbeziehen und haben hierzu die Beteiligungskampagne „Joint us“ ins Leben gerufen, um die Meinungen und Ideen von Jugendlichen selbst mit Hilfe einer Online-Befragung einzuholen. In einem zweiten Schritt sollen Workshop-Designs mit einer kleinen Gruppe interessierter Jugendlicher entwickelt werden. Wir sind schon sehr gespannt und freuen uns auf die Ergebnisse.